ssb - der trägerverein


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jugendzentrum kreuzberg und georg-von-rauch-haus

Im Sommer 1971 besetzten 300 Jugendliche ein leerstehendes Fabrikgebäude am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg. Aus dieser ersten erfolgreichen Hausbesetzung in West-Berlin ging zunächst das »Jugendzentrum Kreuzberg« hervor. In den darauffolgenden Monaten stellten die Jugendlichen zusätzlich die Forderung nach Einrichtung von Wohnkollektiven für Arbeiterjugendliche in dem in der Nähe gelegenen Schwesternwohnheim des ehemaligen Bethanienkrankenhauses. Diese Forderung konnte durch eine Besetzung im Dezember 1971 und breite Unterstützung der Bevölkerung vor Ort umgesetzt werden. Das »Georg-von-Rauch-Haus« wurde erkämpft und hatte mit den Vorstellungen der »Selbstorganisation der Lebenspraxis« später auch entscheidene Bedeutung für die Entwicklung im »ssb e.V«.



Aus: Kai Sichtermann, Jens Johler, Christian Stahl: Keine Macht für Niemand
Die Geschichte der Ton Steine Scherben. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2000, S.52-53,S.69-71

ISBN 978-3-89602-839-6

★ KEINE MACHT FÜR NIEMAND ★

Peter Paul Zahl, Mitarbeiter von Agit 883, plante im Juni 1971 eine Informationsveranstaltung zusammen mit der ROTEN HILFE Westberlin (…). Damit auch die richtige Stimmung aufkam, wurden zu diesem Abend verschiedene Bands eingeladen. Unter anderem ASH RA TEMPEL, AGITATION FREE und die Scherben. (…)
Die Veranstaltung fand am 3. Juli 1971 in der TU-Mensa statt und wurde zu einer fast schon legendären Anarcho-Fete. (…) Danach kam es (…) zu einer der ersten spontanen Hausbesetzungen in Berlin und der ganzen BRD.
Rio: »Ja gut, Besetzung der leerstehenden Fabrik am Mariannenplatz, das war die Idee. Und zwar als Vorschlag, alle Fabriketagen eigentlich zu benutzen als Räume für selbstorganisierte, selbstbestimmte Freizeitgestaltung von Jungarbeitern, Schülern, Lehrlingen. Und dafür wurde an der TU eine Veranstaltung gemacht. Es gab Redebeiträge, dann haben wir gespielt und danach wurde eben aufgefordert, da hinzugehen und das zu besetzen. (…) Also, ich würde mal sagen, da war vielleicht ne Clique von hundert Mann von Kreuzberger waschechten Proletariern, Jugendlichen, die nach dem Konzert zusammen mit den Studenten dieses Jugendzentrum besetzen sollten, was auch geschehen ist.«

Nach der erfolgreichen Besetzung des Jugendzentrums am Mariannenplatz im Juli hatten einige Leute die Idee, so etwas noch einmal zu machen. (…) Objekt ihrer Begierde war das seit ein paar Monaten leerstehende und schon für die Abrissbirne freigegebene Kreuzberger Bethanien-Krankenhaus. Der aus sechs Häusern bestehende Gebäudekomplex lag direkt gegenüber dem Jugendzentrum, sein Terrain, zu dem auch ein großer parkähnlicher Garten gehörte, wurde an einer Seite von der Berliner Mauer begrenzt. An dieser Seite lag auch das Martha-Maria-Haus (…). Die Besetzung war für den 8. Dezember geplant, an diesem Tag sollte es ein großes Teach-In in der Alten Mensa der TU geben. Ein trauriges Ereignis verlieh diesem Teach-In und der gesamten Besetzung noch eine weitere Bedeutung. (…)

»Seit gestern 14 Uhr Großfahndung«, steht in großen Lettern auf der Titelseite der BZ am 4. Dezember 1971. »Sie gilt der gefährlichsten Verbrechergruppe, die seit langem im gesamten Bundesgebiet gesucht wird. Der ›Baader-Meinhof-Bande‹.« Um 17.24 Uhr desselben Tages ruft ein ziviler Zeuge per Notruf 110 die Polizei und meldet eine Schießerei in Berlin-Schöneberg, in der Eisenacher Straße zwischen Fugger- und Kleiststraße. An dem Schußwechsel sind auf der einen Seite Georg von Rauch, Bommi Baumnann, Knolle und Heinz Brockmann beteiligt, auf der anderen einige Polizisten in Zivil. Dabei wird Georg von Rauch durcch einen Kopfschuß tödlich verletzt, obwohl er kurz vorher von dem Todesschützen, Kriminalhauptmeister Hans-Joachim Schulz, erfolglos nach Waffen durchsucht worden war. Was hatte er getan? Beziehungsweise hatte er etwas getan? Der genaue Tathergang wurde trotz monatelanger Untersuchung niemals vollständig geklärt. Georg von Rauch - er war übrigens mit Schlotterer durch die gemeinsame Zeit in der K II befreundet - wurde zwar mit Haftbefehl gesucht, aber selbst die Bundesanwaltschaft wußte, daß keine Veranlassung dafür bestand, ihn auf die Fahndungsliste für die RAF zu setzen.

Georg hinterließ Frau und Kind. Doch der Staat verweigerte ihnen jegliche Entschädigung: Illo von Rauch mußte sich mit ihrer kleinen Tochter Yamin alleine durchschlagen. Es gibt Stimmen, die Bommi Baumanns Rolle in dieser Geschichte für zumindest fragwürdig halten, nicht zuletzt deshalb, weil er zweienhalb Jahre später, im Juli 1974, in einem Spiegel-Interview auf die Frage, wer in der Eisenacher Straße zuerst geschossen habe, antwortete: »Klar Georg, aber geschossen wurde fast gleichzeitig.« Damit war die Sache mit der Entschädigung für Illo erledigt. Die Empörung über den Tod von Georg von Rauch spielte auf dem Teach-In am 8. Dezember 1971 natürlich eine große Rolle. (…) Wie die geplante Hausbesetzung im Anschluß an das Teach-In und den Auftritt der Scherben dann im einzelnen verlief, hielten die Mitglieder des Jugendzentrums Kreuzberg e.V. fest. Im Sommer 72 verfaßten sie die Broschüre: Kämpfen Leben Lernen - Georg von Rauch-Haus:



Aus: KÄMPFEN. LEBEN. LERNEN. GEORG v. RAUCH-HAUS
Jugendzentrum Kreuzberg e.V., Kollektiv Georg v. Rauch-Haus, Berlin 1972, S.10-13

Dritte erw. Auflage Dez. 1972

★ Was wir brauchen, müssen wir uns nehmen! ★

Am 8. Dezember 71 fand ein Teach-in in der TU [statt], das aus Anlaß der Ermordung Georg von Rauchs und der Verurteilung Kunzelmanns zu 9 Jahren Knast einberufen wurde. Bei dieser Veranstaltung spielten auch die TON-STEINE-SCHERBEN,

Der Tag erschien uns günstig für eine Besetzung, erstens waren viele Jugendliche auf dem Teach-in und zweitens wußten wir, daß Stadtrat Beck eine Woche später in Urlaub fahren wollte. Alle beteiligten Gruppen trafen sich abends im Jugendzentrum. Dabei kam es zu heftigen Diskussionen, weil viele Leute aus dem Jugendzentrum die Besetzung für verfrüht hielten. Schließlich faßten wir doch den Beschluß das Martha-Maria-Haus nach dem Ende der Veranstaltung in der TU zu besetzen. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Twiggy bügelte den schon bei der Besetzung des Jugendzentrums benutzten Stofflappen mit der Aufschrift: B E S E T Z T auf. Essen und Kerzen mußten beschafft werden, außerdem Spray gegen die scharfen Hunde, die nachts im Bethanie-Gelände herumschnüffeln. Seitenschneider für den Maschendraht, Dietriche für die Türen, Sicherungen für Licht und Taschenlampen.

In der Zwischenzeit wurden in der TU Flugblätter und über Mikrofon über die Besetzung informiert und aufgefordert, mit nach Kreuzberg zu fahren. Ungefähr 600 Leute fuhren mit der U-Bahn und Auto nach Kreuzberg, sie versammelten sich zunächst am Jugendzentrum und wußten nicht, was sie machen sollten. Erst als einige, die an der Besetzung mitgeplant hatten, ihnen den Weg zum Bethaniengelände zeigten, wurden sie aktiv. Da gab es für manche ziemlich viel Schwierigkeiten beim überklettern der Mauer. Manche konnten auch das kleine Loch im Drahtzaun nicht finden. Also mußte er ganz weg. Die Bullen waren auch noch nicht vollständig versammelt, denn sie guckten ruhig zu wie etwa 300 Jugendliche ins Martha-Maria-Haus eindrangen, dann jedoch riegelten sie das ganze Gelände ab. Wer drin war, war drin und wer draußen war, und das waren etwa noch mal soviel, mußte nun draußen bleiben.

Die Bullen wollten die Draußengebliebenen verjagen, dabei kam es zu einer regelrechten Straßenschlacht. Die Bullen trieben die Jugendlichen mit Tränengas und Schlagstöcken aus einander und verfolgten sie durch die Straßen bis zum Görlitzer Bahnhof.

Währenddessen richteten wir uns im Haus ein und besprachen, wie wir am besten gegen die Bullen uns verteidigen könnten. Gegen Mitternacht wurde uns durch Megafon von den Bullen zugerufen, daß wir Vertreter zur Verhandlung rausschicken sollten. Dies wurde von uns abgelehnt: wenn wir verhandeln, müßen alle dabei sein. Wir forderten Beck auf zu uns zu kommen. Da wir den Eingang und die Hintertür verbarrikadiert hatten, sollte er über die Leiter durchs Fenster steigen. Das lehnte Beck ab mit der Begründung, er würde es nicht schaffen. Wir mußten die Tür doch öffnen.

Falls es ein Vorwand der Bullen war um das Haus zu stürmen, versammelten sich viele Leute mit Stuhlbeinen an der Tür um sich in diesem Fall gegen die Bullen zu wehren.

Das geschah nicht. Beck erschien mit Senatsangestellten und wir versammelten uns in einem großen Raum um zu verhandeln. Sie versuchten abzuwiegeln und uns zu beschwichtigen, indem sie sagten, sie hätten das Haus uns doch schon versprochen. Aber in Wirklichkeit hatten sie es schon zig-anderen Gruppen versprochen. Wir bestanden auf unser Recht und waren nicht bereit das Haus zu räumen. Nach langen hin und her versicherte uns Beck, daß wir auf jeden Fall bis zum nächsten Tag bleiben können. Daraufhin zog ein Teil der Bullen ab und wir hatten freien Zugang zum Haus.



Aus: Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
6 Jahre Selbstorganisation. Georg v. Rauch-Haus Kollektiv, Berlin 1977, S.1-3

Sept. 1977, Aufl.3000

★ Rauch Haus Chronologie ★

3. 7. 71 Das Jugendzentrum am Mariannenplatz von 300 Jugendlichen besetzt
4.12. 71 Georg von Rauch wird von den Bullen in der Eienacherstr. erschossen
8.12. 71 Das Schwesternwohnheim des leerstehenden Bethanienkrankenhauses wird von 600 Jugendlichen besetzt und in Georg von Rauch Haus umbenannt
Dez. 71 Vorläufiger Nutzungsvertrag (1 Jahr)
Jan. 72 Senatsgelder für Lebensunterhalt und Sozialarbeiter wird abgelehnt
Apr. 72 1. große Razzia mit 600 Bullen
1.Mai 72 Volksfest auf dem Mariannenplatz
Mai 72 Das Kollektiv verhindert Aussagegenehmigung für ehem. Sozialarbeiter des Hauses
Juni 72 Schließungsantrag der CDU abgelehnt
Okt. 72 Teach-in, Fackelzug und Kundgebung gegen einen Vertrag mit Heimaufsicht und fristoser Kündigung
Dez. 72 Teach-in und Demo mit 8000 Leuten
Jan. 73 Nutzungsvertrag für 5 Jahre erkämpft
Anf. 73 Müllaktion
Aug. 73 Jugendzentrum von Faschisten abgebrannt
Herbst 73 Chile-Solidaritätsplatte aufgenommen
Jan. 74 2. Razzia
Sept. 74 Chile-Solidaritätsfest auf dem Mariannenplatz
Okt. 74 Rauchhausfil wird fertig, "Allein machen sie dich ein"
Herbst 74 Bethanienkampagne mit andauernden Bullenterror
März 75 Aktion "Wasserschlag": Razzia mit
5. 3. 75 brutaler Zerstörung und Gefangennahmen
April 75 noch ne Razzia
1.Mai 75 Fest auf Mariannenplatz
Juni 75 Wochendtreffen berl. Jugendzentren
Nov. 75 2 brandanschläge auf die Kinderhütte, nur durch Großeinsätze können wir verhindern, daß das Feuer aufs Rauchhaus übergreift
Herbst 75 Beschwerden gegen die März Razzien werden zurückgewiesen, wer sich beschwert hat, soll 40 DM bezahlen
Jan. 76 die CDU startet eine Hetzkampagne gegen uns und das Weisbeckerhaus, die aber in die Hosen geht
April 76 Wir schicken dem Senat eine Doku, die ihm garnicht gefällt
Mitte 76 Gericht entscheidet die CDU darf nicht mehr behaupten, wir würden leben ohne zu arbeiten
Aug. 76 Info-Stand gegen ein Bullenfest an der Gedächtniskirche mit Klopperei
10.-11.12. 2-Tage-Fest zum 5jährigen Bestehen
Jan. 77 Senat schickt uns 2 Abmahnungen wegen "Nichterfüllung des Vertrags"
Anfg. 77 Senat nimmt die Abmahnungen zurück, wir machen klar: Wir schreiben nur öffentliche Dokus
Frühj. 77 Um den 11 jährigen Micha zu legalisieren, müßen wir erstmal den Stadtrat König "besuchen"
Aug. 77 Senat droht uns mit Kündigung, wir beschließen: unser Buch wird fertig wann wir es wollen
Dez. 77 Riesenfest bei uns, zu dem wir alle einladen !!!